Sequentielle Photographie anno 2004.
Colorplots von Wilhelm Dolleschall.
Ein Flickenteppich bildet mit seinem „bunten Farbenspiel ein Album von Erinnerungen“; das farbenfrohe Streifenmuster eines solchen Bodenbelags gleicht einer Rückschau auf „Großvaters Wams, Großmutters Jacke, Mutters Baumwollkleid, Vaters Uniform aus der Lotsenzeit; ... die roten Strumpfbänder der Mädchen, die gelben Tressen der Söhne aus ihrer Dienstzeit, die blauen Schwimmhosen der Sommergäste; Düffel und Manchester, Baumwolle und Boy, Wolle und Jute, von allen Moden und Garderoben, des Armen wie des Reichen.“ Ein fiktiver, darwinistisch geschulter Ästhet, gestaltet am Ende des 19. Jahrhunderts, stellt diese Betrachtungen über das Nützliche und Alltägliche an, um aus einem simplen Gebrauchsgegenstand einen inspirierenden Sammelpunkt für unzählige Geschichten zu fertigen.
In den verschiedenen Kunstrichtungen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten, findet eine Geschichtsschreibung, die aus einem Sammelsurium persönlicher Gegenstände entsteht, Eingang in die perfekte Umgebung des reinen weißen Raumes, der in Kunstmuseen und Galerien als Ausstellungsplattform dient. Von den Künstlern des 20. Jahrhunderts werden mit dem Einsatz von Alltagsobjekten bewußt Assoziationsketten evoziert, die selbst die einfachsten Konsumgüter, einmal in den Kunstkontext versetzt, auslösen können. Es handelt sich dabei um eine kunstgeschichtlich verankerte Strategie: als Konsequenz aus der Mechanisierung des Abbildungsprozesses geht der Künstler nicht mehr auf die Suche nach einem erhabenen Sujet. Das Abbilden wird dem Apparat überlassen, und die Suche nach dem bildwürdigen Objekt tritt in den Hintergrund, denn die Fähigkeit des Künstlers, vor allem die menschliche Gestalt mimetisch treu wiederzugeben, verliert an Bedeutung. „Die Aufmerksamkeit, die Leonardos Gemälde einmal erweckt hatten, konnten sich beim Menschen in der Moderne nicht mehr einstellen. In der Masse der fotografischen Abbilder waren sie zur Realität und Alltäglichkeit zurückgebracht, vor der sie ursprünglich geflohen waren.“ Es ist Marcel Duchamp, der dies am Beispiel des auf Postkartengröße geschrumpften und massenhaft vervielfältigten Gemäldes Mona Lisa bereits 1919 demonstriert, indem er Leonardos berühmten Frauenbildnis ein Bärtchen verpaßt. Den durch den Apparat ausgelösten, aber noch kaum ins Bewußtsein vorgedrungenen inhaltlichen wie ästhetischen Wandel in der Kunst macht er mit wenigen Strichen, aber um so mehr Ironie sichtbar.
Duchamp erweist sich als der erste Meister, der mit einer speziellen Präsentationform und der Kombination disparater Teile den Charakter von Industrieprodukten umkehrt. Duchamps undogmatisches Vorgehen entzieht sich der Massenverwaltung, obwohl oder gerade weil er einfache Konsumgüter, Bügeleisen, Flaschentrockner, Hutständer, Urinbecken zur Kunst erhebt und als Schleuse zwischen materieller und spiritueller Sphäre nutzbar macht. Wer keinen Gedanken an eine statt an der Wand am Fußboden befestigte Garderobe verlieren möchte, geht in die Falle und sieht nichts weiter als ein Industrieprodukt. Genau diesen Titel gibt Duchamp einer seiner Arbeiten von 1917, er nennt sie Trébuchet, aus dem Französischen übersetzt: „Falle“. Die dem Kunstwerk innewohnende Mehrdeutigkeit wie den verborgenen Witz zu entschlüsseln wird zur Herausforderung für den Rezipienten.
Mit der Fähigkeit Alltagsobjekten einen inspirierenden Reiz abzugewinnen, initiiert Duchamp eine, bis heute bereits mehrere Generationen von Künstlern prägende Kunstauffassung, die auf das bewußte Reflektieren über industrielle Güterproduktion wie technische Bild-produktions- und -reproduktions-verfahren, die in die Spähren der Kunst Einzug halten, pocht und kritisch analytische wie humorvoll bis ironische künstlerische Statements hervorbringt.
10500 SEC, der Titel, der von Wilhelm Dolleschall 2004 im Kunstraum Innsbruck gezeigten Arbeit, verweist auf Inhalt und künstlerische Technik gleichermaßen: der Farbausdruck von einem Meter Breite und vier Metern Höhe erscheint, aus der für die Erfassung des Bildwerkes in seiner ganzen Größe notwendigen Distanz betrachtet, als abstraktes Bild, aufgebaut aus feinen, bunten Streifen. Verringert sich der Abstand zwischen Bild und Betrachter, wird eine Struktur aus kleinen, gemusterten Rechtecken sichtbar.
Ein Rechteck entspricht einem Kader aus einer nahezu dreistündigen Fernsehshow. Das auf Video aufgenommene Fernsehvergnügen wurde auf die multifunktionale, digitale Maschine Computer übertragen und per Programm analysiert, d.h. in seine Einzelbestandteile aufgesplittert. Bei einer Aufzeichungsrate von fünfundzwanzig Bildern pro Sekunde ergeben sich zweihundertzweiundsechzigtausendfünfhundert Einzelbilder, die einem Zeitraum von zehntausenfünfhundert Sekunden entsprechen. In einem weiteren Schritt erfährt jeder Kader eine Skalierung, die ihn auf die Größe von annähernd vier mal drei Millimetern verkleinert. Chronologisch aneinandergereiht ergeben die Einzelbilder einen Streifen von über einem Kilometer Länge, der an das nunmehr ausgedruckt vorliegende Mammutformat angepaßt wurde.
10500 SEC ist das Diagramm eines für den Alltag des 21. Jahrhunderts prototypischen Ereignisses, einer Veranstaltung, in der sich die Entertainmentindustrie selbst ehrt und den professionellen Einsatz von AV-Medien als breite Käuferschichten dirigierendes Werbeinstrument vorführt. In Dolleschalls Arbeit schreiben sich lebhaft, poppig, Reihe um Reihe, Szenen der publikumswirksam choreographierten Verleihung des zehnten MTV Europe Music Awards 2003 in das weiche Papier ein. Aus der Nähe betrachtet, sind in den Einzelkadern minimaler Größe Kurzauftritte von Szenestars erkennbar, verschnitten mit Exzerpten aus aktuellen Videoclips. Auch der Wechsel von der Ganzaufnahme zum Brustbild oder der Zoom auf ein Detail, z.B. ein aufreizend geschminktes Auge, ist nachvollziehbar. Durch die homogene Farbzeichnung jener Kader, die eine zusammengehörende Sequenz bilden, ist die Länge einer Kameraeinstellung, einer -fahrt, eines -schwenks, die Dauer einer Werbeunterbrechung oder Übergangsmoderation, kurz, die Struktur der gesamten Sendung als farbiger Code abgebildet. Aus der Entfernung betrachtet gleicht 10500 SEC einem überdimensionalen, an der Wand befestigten Läufer. Der Bilderteppich lockt durch sein abstraktes Farbenspiel - jenes Muster, das sich aus zweihundertzweiundsechzigtausendfünfhundert dem Medienalltag entnommenen Bildern aufbaut.
Bereits mit der Collage Spree - einer panoramaartigen Zusammenfassung von Nachrichtensendungen über die Scharfschützenmorde, die im Herbst 2002 die USA erschütterten - widmet sich Dolleschall der Struktur von industriellen Sendeformaten. Die Thematik findet eine Wiederaufnahme in no comment, einer ebenfalls großformatigen Arbeit auf Papier, über die Bildberichterstattung zum Irakkrieg 2003. Ein grenzenlos scheinender weißer Hintergrund vereint acht unkommentiert ausgestrahlte Szenen aus dem Krieg - Angriffsflüge von Kampfflugzeugen, Hubschraubereinsätze. Jede dieser Szenen wird in Standbilder gegliedert, die, am Computer in semitransparenten Schichten übereinandergelegt, ein Bewegungsdiagramm ergeben. Die in der Manier der Pioniere Marey, Muybridge oder Anschütz aus dem Laufbild herausgelösten Einzelkader machen sowohl die Bewegung des von der Kamera aufgenommen Objekts, als auch Schwenkbewegungen des Aufzeichnungsgeräts sichtbar.
Die Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert verfolgten mit dem Einsatz apparativer Bildmedien primär ein physiologisches - d.h. ein wissenschaftliches - Interesse, auch wenn dem berühmten Erstversuch Muybridges auf einer Pferderennbahn in Palo Alto gegen Ende der 1870er Jahre eine Wette unter Züchtern zu Grunde liegt: „Schaukelpferdpose - ja oder nein?“, das war die zu klärende Frage. Das Ergebnis - beim Galopp sind die vier Beine eines Pferdes dann gleichzeitig in der Luft, wenn sie unter dem Bauch des Tieres zusammenkommen - und die Folgen für die bildende Kunst sind bekannt: tradierte Tierdarstellungen waren mit einem Schlag obsolet und die später folgenden detailierten photographischen Untersuchungen des menschlichen Ganges machten den Weg frei für revolutionäre Menschendarstellungen, wie sie sich 1912 mit Akt, die Treppe hinabssteigend von Duchamp ankündigen.
2004 dient der Einsatz eines umfangreichen Geräteparks vorwiegend der Analyse von Technologie, doch die Intention, das mit freiem Auge Nichtzuerfassende sichtbar zu machen, bleibt bestehen. Jede Sequenz der acht in Einzelbilder aufgesplitteten Kriegsszenen hinterläßt auf der weißen Grundfläche von no comment eine feine graue Schliere. Aus der Entfernung betrachtet, bilden diese semitransparenten Zeichen fragil anmutende, abstrakte Spuren, die zwar die Assoziation von Flugbewegungen evozieren, aber keine eindeutige Interpretation zulassen. Über die abstrakte Qualität von no comment gelingt es, die Analyse und Dokumentation der flüchtigen, völlig der Mimesis verhafteten kommerziellen Bilder zugunsten kunstimmanenter Inhalte in den Hintergrund zu drängen.
Mit allen drei Arbeiten, die sich der Analyse des Laufbildes widmen, beweißt Dolleschall daß er AV-Medien wie digitale Maschinen derart als Werkzeuge zu nutzen weiß, daß er über die Untersuchung des Mediums selbst zu Statements über dessen Anwendung und gesellschaftspolitische Wirksamkeit gelangt.
© 2004 Martina Chmelarz-Moswitzer
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